Florian Neuschwander beim Wings for Life World Run (Foto: Flo Hagena / RedBull Content Pool)

Florian Neuschwander: „Ich mache, worauf ich Bock habe“

Kurz vor dem Wings for Life Run, bei dem Florian Neuschwander in München als letzter vom Catcher Car eingeholt wird und damit erneut die Wertung in Deutschland für sich entscheidet, ist der Frankfurter zum Trainingslager auf Mallorca. Bezeichnenderweise am Ballermann. Ein Filmteam will Florian mit der Kamera begleiten. Die Spots sind gefunden, die Absprachen gemacht.

Flo läuft, wie vereinbart, der Kamera hinterher. Bis es ihn packt. Dieses nicht zu beschreibende Gefühl, das ihn entscheiden lässt: Ich will jetzt Laufen! Zwar ist er noch am Vortag „nur“ einen Marathon im Training gelaufen, doch das hält ihn nicht davon ab, an diesem Tag besser zu sein. Sein Ergebnis vom Vortag zu übertreffen, eben #BeatYesterday. Oder wie er sagt: Richtig zu ballern. Mit einem Schnitt von 4 Minuten pro Kilometer stehen am Ende des Tages 60 Kilometer auf der Uhr. Im Verlauf der Trainingswoche werden es insgesamt 260 Kilometer. Ungewöhnlich? Nicht, wenn man Florian Neuschwander ein bisschen kennt.

Übrigens: Wir haben Florian Neuschwander auf der ISPO 2017 am Stand von Garmin ausgefragt. Zum Laufen, zu seinem Lebensstil, zu seinen Zielen. Und zu seinen #BeatYesterday-Momenten. Hier gehts zum Video mit Florian Neuschwander.

Wie bist du ausgerechnet zum Laufen gekommen?

Das war eher Zufall. Ich habe als Kind Tennis gespielt, bin da aber immer ausgerastet – war irgendwie der falsche Sport für mich. Dann fand ein Waldlauf bei uns statt, bei dem ich eigentlich nur Zuschauer war. Aber irgendwie bin ich dann in Jeans und Skater-Schuhen mitgelaufen. Zwei Wochen später habe ich mich für meinen ersten Lauf, einen Schülerlauf über zwei Kilometer, angemeldet und gewonnen. Da dachte ich, Laufen könnte was für mich sein.

Florian Neuschwander Hamburg Alster

Und war es dann auch?!

Erstmal war der Standard angesagt: 800 Meter bis 10.000 Meter auf der Bahn, Halbmarathon. 2007 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen, aber irgendwie war mir Marathon schon bald zu stressig, zu langweilig.

Moment: Marathon ist stressig und langweilig?

Das ist halt immer das Gleiche, keine Abwechslung. Na klar, vielleicht ist der eine Stadtmarathon in Hamburg ein bisschen schöner als der andere in New York. Aber 42 Kilometer auf der Straße sind halt 42 Kilometer auf der Straße. Das hat für mich keinen Reiz mehr. Und man hat immer diesen Zeitdruck.

Und das ist beim Ultra anders?

Florian Neuschwander Trailrunning
Reizt Florian beim Trailrunning: Die Landschaft. (Foto: privat)

Klar! Da habe ich doch alle Zeit der Welt, da kommen ja noch 50 oder 60 Kilometer.
Aber beim Ultra ist es vor allem die Landschaft, da kannst du echt was sehen, was erleben. Das ist Abenteuer. Du kommst an Plätze, wo du vorher noch nicht warst.

Das klingt verliebt.

Na klar ist das Liebe. Sonst würde ich den Quatsch ja nicht machen und wäre nicht schon 19 Jahre dabei. Ich habe so viele schon kommen und gehen gesehen, die dann irgendwelchen Bestzeiten nachgejagt sind und irgendwann enttäuscht sind, dass es doch nicht geklappt hat. Sieht man auch bei vielen, die der Olympianorm im Marathon im wahrsten Sinne hinterher gerannt sind und sie nicht geschafft haben. Wer läuft denn von denen noch? Kaum jemand. Da laufe ich lieber wie ich will und bin glücklich.

Ich bin ein ganz normaler Typ, der einfach Bock aufs Rennen hat.

 

Ist das dein Rezept?

Ich denke schon. Ich setze mich nicht so unter Druck wie andere. Klar ist es cool, wenn ich eine Bestzeit renne. Und klar freue ich mich, wenn ich für eine Bestzeit trainiert habe und es klappt dann auch. Aber wenn nicht, ist es mir auch egal. Dann laufe ich trotzdem weiter. Weil ich Bock drauf hab.

Florian Neuschwander mit Fan
Florian mit einem seiner vielen Fans. (Foto: privat)

Ist es diese Einstellung zum Laufen und den Erfolgen, die die Menschen an dir so fasziniert? Immerhin über 16.000 Abonnenten auf Instagram und fast 30.000 Facebook-Freunde scheinen das jedenfalls so zu sehen.

Ich falle natürlich ein bisschen auf. Aber ich lebe ganz normal. Ich gehe mit Freunden aus, ich mache Party, ich bin ich selbst geblieben und lebe stinknormal. Ich kann mir vorstellen, dass das auch für viele Hobbyläufer motivierend ist, wenn sie sehen, da ist ein ganz normaler Typ, der einfach nur Bock aufs Rennen hat.

Und damit viele Menschen inspiriert.

Das pusht mich total. Es macht mir riesige Freude, wenn ich andere Leute motivieren kann. Ich mache regelmäßig Lauftreffs. Spontan, da, wo ich gerade bin. Dort kommen auch viele langsame Läufer…

Florian Neuschwander beim WingsforLife Run (c) Sebastian Abel
Florian begrüsst sein Team beim Wings for Life Run / Foto: (c) Sebastian Abel

…hört sich ein bißchen nach Marketingstrategie an?

Keinesfalls, ich mache das für mich und die Leute, ich finde das super, das macht echt Spaß zusammen. Aber andersrum: Wenn ich mal ein Motivationsloch habe, holen mich diese Leute da raus. Ich bin vor kurzem um den Starnberger See gelaufen. Da hatte ich so bei Kilometer 35 ein kleines Tief. Ich habe ein kleines Handyvideo gepostet. Und die ganzen Kommentare haben mich so angetrieben, dass ich die letzten Kilometer nochmal richtig durchgezogen habe.

Wenn du, wie bei dem Videodreh, einfach losläufst und dann 50, 80 oder 100 Kilometer machst – wie kommt es zu einer so spontanen Reaktion, was passiert da mit dir?

Es passiert einfach, das kann ich nicht erklären. In dem Moment merke ich, jetzt schaffe ich das. Ein blitzartiger Gedanke. Und dann will und muss ich rennen.

Das klingt nach Sucht?

Kann man so sagen. Wenn dieser plötzliche Gedanke kommt, 60 oder 80 Kilometer abzureißen, dann muss ich das auch machen. Dann höre ich auch nicht auf, bis ich das geschafft habe. Dann gehts ab und ich ziehe das eiskalt durch.

Und das ist immer so?

Oh nein! Natürlich gibt es auch Tage, wo ich überhaupt keinen Bock habe zu laufen. Das ist für mich völlig in Ordnung. Ich mache nichts, wenn ich dazu keine Lust habe.

Wenn ich mich schlecht fühle, mache ich einfach eine Woche lang nichts.

 

Hast du Angst davor, dass die Motivation mal länger wegbleibt?

Nö, habe ich nicht. Das wäre ok.
Wenn ich jetzt mal demotiviert bin, mache ich auch mal eine oder zwei Wochen gar nichts. Das ist dann immer schon lustig, wenn Menschen, die meine Trainings online verfolgen, mich anschreiben und sagen: Hey Flo, du hast deine Trainings gar nicht hochgeladen. Und ich dann sage: Ich war gar nicht laufen. Können die dann immer gar nicht glauben.
Ein bisschen schwierig finde ich, was einige verbissene Hobbyläufer sich manchmal antun und jede Einheit laut Plan durchziehen. Da winkt doch am Ende schon der Burnout. Wenn ich mich schlecht fühle, mache ich einfach eine Woche nichts. Die Lust kommt schon von alleine wieder.

Auch im Winter? Oder macht jemand wie du bei der Jahreszeit keine Unterschiede?

Regen beispielsweise ist total doof, da habe ich meine Schwierigkeiten. Und ganz ehrlich: Ich hasse den Winter. Da mache ich auch nicht viel. Ausnahmsweise gehe ich dann auch mal aufs Laufband.

Aber es gibt da diese verrückte Februar-Geschichte aus 2014 bei Minusgraden…

Mein Blog hatte damals im Januar so um die 90.000 Aufrufe und ich hatte gepostet: Wenn die Seite bis 2. Februar die 100.000 knackt, laufe ich am darauffolgenden Tag so lange, bis meine Garmin Smartwatch genau 100 Kilometer anzeigt. Von Trier bis ins Saarland, nach Hause zu meiner Mutter. Die 100.000 wurden erreicht – und ich lief. Das hatte ich versprochen, und das musste ich auch halten.

Wieder so eine verrückte Flo-Aktion?

Das war einer meiner schönsten Laufmomente. Dadurch, dass ich den Lauf angekündigt und die Planung online gestellt hatte, haben mich auf der Strecke an vielen Stellen Leute begleitet. Das war echt cool. Auf 3.000 Höhenmetern, die man zwischen Trier und Neunkirchen macht, kann man auch viel sehen. Und Mama hat sich auch gefreut, dass ich mal wieder vorbeigekommen bin.

Wie ist das nach einem Ultra im Ziel: totale Erschöpfung?

Weniger. Es ist vor allem Euphorie, dass ich es gepackt habe. Da raste ich manchmal aus.Vor allem, wenn ich „für mich“ gelaufen bin, so wie bei der Runde um den Starnberger See, dann brülle ich im Ziel schon einmal ein „Jawoll!“ in den Wald.

Und planst direkt schon den nächsten Lauf?

Ich genieße dann erstmal. Lasse alles sacken, gehe nach richtigen Wettkämpfen feiern mit Freunden. Zehn Tage später fange ich wieder an, und mache Pläne.

Ohne meine Freunde würde ich das alles gar nicht schaffen.

 

Halten dich deine Freunde eigentlich für völlig durchgeknallt?

Das Thema Ultra und das ganze Drumherum ist schon speziell, auch für meine Freunde. Aber meine Jungs aus der WG sind alle irgendwie involviert, unterstützen mich in ganz vielen Dingen, begleiten mich beim Training auf dem Rad, sind bei meinen Starts mit dabei, supporten mich unterwegs. Ohne die würde ich das auch gar nicht alles schaffen.

Und die Pläne, die du machst: Wonach wählst du die Rennen aus, bei denen du startest?

Das mache ich manchmal sehr spontan. Ich schaue mir meistens die Strecke an. Wenn die abwechslungsreich und interessant ist, bin ich dabei. Und ich mag es, dort an den Start zu gehen, wo ich noch nie gelaufen bin.

Beim Wings for Life Run bist du in diesem Jahr zum zweiten Mal gestartet. Warum?

Der Charakter des Laufes passt sehr gut zu mir und meinem Laufverhalten. Es ist wie ein Dauerlauf und man ist fast alleine. Ok, am Start steht man noch mit tausenden anderen an der Linie. Aber danach kann ich einfach abspulen. Das Tempo kann man ja auch laufen, die Frage ist nur, wie lang. Der Renntag in diesem Jahr war ein harter Tag für mich. 20 Mal gegangen, Krämpfe, der Fuß, die Wärme… Aber ich habe durchgezogen. Es kann nicht immer Bestleistung sein. Jetzt ruhe ich mich aus, hake den Lauf ab und weiter geht es. (#BeatYesterday eben!)

Florian Neuschwander Wings for Life (c) Flo Hagena / Red Bull Content Pool

Gibt es für dich ein bestimmtes Ziel, einen „Läufer-Traum“?

Ja, Weltmeister über 100 Kilometer werden. Mit deutschem Rekord.

Hast du ein Ritual oder eine bestimmte Zeremonie vor dem Lauf?

Nein.
(Überlegt nochmal)
Eigentlich nur die Schuhe. Da ziehe ich die von meinem letzten guten langen Lauf an.
Und die Socken, mit denen ich gut trainiert habe.
Naja, und die Sonnenbrille…

Die muss natürlich sein!

Das ist nicht nur Coolness, das ist eine Sonnenbrille mit Sehstärke. Sonst sieht der Flo nichts.

Es ist keine Kunst, rauszugehen und zu laufen.

 

Abseits von Training und Wettkampf – gibt es da noch mehr in deinem Leben?

Florian NeuschwanderNatürlich, das Laufen ist nur ein Teil. Ich treffe mich gerne mit Leuten, gehe unheimlich gerne Kaffee trinken oder auch mal auf ein Bier aus. Ich mag gerne Konzerte, würde auch gerne wieder auf ein Festival, vielleicht das SouthSide oder Hurricane, gehen. Und ich spiele Gitarre. Aber mangels Talent immer nur die gleichen Sachen.

Was empfiehlst du Laufmuffeln oder Leuten, die gerne laufen würden, sich aber nicht überwinden können?

Sich mit anderen treffen und mit ihnen laufen, das motiviert gut. Verabredungen hält man schließlich ein. Oder mal was anderes ausprobieren: Mal einen Trailrun anstatt Bahnlauf. Oder mal Segmente raussuchen und diese Laufen, Fahrtenspiele machen, aktiv die Abwechslung suchen. Man muß nicht immer „müssen“, einfach mal den Druck rausnehmen, nicht so verbissen sein. Dann kommt ganz schnell der Spaß. Es ist schließlich keine Kunst, rauszugehen und zu laufen.

Vielen Dank Flo für das Interview.

3 Kommentare zu “Florian Neuschwander: „Ich mache, worauf ich Bock habe“

  1. Authentisch wie immer !!! & dabei ekelhaft sympathisch…
    Und so viel Wahrheit dran – auch wenn ich 1-2 min. langsamer bin… der „Grundgedanke“ ist ähnlich!
    Viel Spaß beim TRI-Versuch… Bleib` immer gesund und schnell!

    Dein „schon immer“-FAN

  2. Die Einstellung gefällt mir – einfach mal gut sein lassen, wenn man keine Lust hat. Der Zwang zu Laufen nimmt einem schnell den Spaß an der Sache.

    Dass man trotzdem noch solche Distanzen in den Zeiten bewältigen kann finde ich beeindruckend! Meinen größten Respekt hast du Flo.

    Viele Grüße, Martin

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