Zwischen Tradition und High-Tech – Das GPS als Werkzeug bei Expeditionen

(von Till Gottbrath) G – P – S! Welche Magie für einen Abenteurer in diesen drei Buchstaben liegt! Der Lockruf der großen, weiten Welt. Über Ozeane segeln, durch Wüsten fahren, Gletscher und Eisfelder überqueren. Till Gottbrath, einst Gründer der Zeitschrift „Outdoor” und selbst ein weitgereister Abenteurer erzählt von seinen GPS-Erlebnissen und der „großen, weiten Welt”.

Haargenau kann ich mich noch daran erinnern: es war 1988/89. Arved Fuchs und Reinhold Messner zogen aus, um die Antarktis erstmals zu Fuß zu durchqueren. Sie nahmen eines der ersten mobilen GPS-Geräte überhaupt mit. Bald so groß wie ein (Kinder-)Schuhkarton und mit einem Batterieverbrauch, der es den beiden Abenteurern gerade mal erlaubte, den Klotz ein oder zwei Mal täglich einzuschalten. Um die Position zu berechnen, brauchte die Kiste im Vergleich zu heutigen Geräten eine Ewigkeit. Auch konnte das Gerät nur zu bestimmten Zeiten eingesetzt werden, da noch nicht alle Satelliten im Orbit standen.

Das erste portable Garmin GPS-Gerät von 1991
Das erste portable Garmin GPS-Gerät von 1991

Im Rückblick muss man darüber lächeln. Die Seefahrt kannte diverse Navigationssystem, erst den Sextanten, dann terrestrische Funk-basierte System wie Loran oder Decca – aber das GPS bedeutete eine Sensation. Und dass das Gerät mitnehmbar war und Abenteurer eine solche Kiste voller High-Tech in ihr Gepäck steckten, war sogar eine Revolution. Ich erstarrte damals fast in Anbetracht der Dinge. Und auch des Preises: er lag bei rund 10.000 Mark!

Der Zufall wollte es, dass Arved Fuchs mich einige Jahre später als Fotograf zur Expedition ”Icesail” einlud. Er hatte es geschafft, von den russischen Behörden für sein Expeditionssegelschiff ”Dagmar Aaen” die Genehmigung zur Durchquerung der Nordost-Passage zu bekommen. Das erste westliche Schiff seit der Oktober-Revolution! Daraus ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, den Nordpol komplett zu umsegeln. Das war noch keinem Schiff gelungen: die erste circumpolare Umrundung des Nordpols durch die legendäre Nordost- und die noch berühmtere Nordwest-Passage!

Fuchs ist gelernter Seemann und legt als solcher allergrößten Wert auf höchste Sicherheit und solide Seemannschaft – auch, was die 1931 als hölzerner Segelkutter in Dänemark gebaute „Dagmar Aaen“ angeht. Neben den üblichen Instrumenten wie Log, Windmesser und Kompass gibt es im Navigationsraum der Dagmar Aaen ein Wetterfax, bestes Funk-Equipment, diverse Handfunkgeräte, ein großes Radargerät – sowie natürlich die ganze Liste von Navigationssystemen. In Sachen GPS rüstete Arved die Dagmar damals mit einem Furuno-Gerät aus, wie man es normalerweise eher in der kommerziellen Seefahrt einsetzt.

Ich, die alte Landratte, stieß in Grönland zur Crew. Ein bunter Haufen Abenteurer aus Russland, Polen, Australien, Tschechien, der Schweiz, Kanada, Island, Deutschland etc. bildete den Kern der Mannschaft. Einige nahmen unbezahlten Urlaub für die Sommersaison, andere kündigten ihre Stelle, und wieder andere fuhren nur einzelne Etappen mit. Im Gegensatz zu mir konnten die meisten auf einen reichen seglerischen Erfahrungsschatz zurückblicken. Das kam mir zu Gute: ich lernte jeden Tag endlos viel – wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal in die Schule geht.

Vertraue niemals blind der Technik

Eines der wichtigsten Fächer war die Navigation und da vor allem der Umgang mit dem GPS. Begriffe wie Bearing, Cross Track Error, Waypoint, Estimated Time of Arrival usw. gingen mir schnell nicht nur flüssig von den Lippen, ich kapierte auch irgendwann, was sie bedeuten. Aber neben dem Bedienen aller Knöpfe lernte ich noch viel Wichtigeres: Verlasse Dich niemals blind auf die Technik!

Wie wahr dieser Spruch ist, erfuhren wir schon bald. Beim Übertragen der Position vom GPS auf die Seekarte – damals auf Papier, denn das GPS mit ladbarer digitaler Seekarte lag noch in einiger Ferne – stellten wir Unglaubliches fest: wir segelten – zumindest theoretisch – an Land, wenn auch in unmittelbarer Nähe der Küste! War das GPS kaputt oder die Karte falsch? Es war die Karte oder/und vielleicht – wir werden es nie erfahren – die damals noch aktivierte „Selective Availability“. Bis zum 1. Mai 2000 hatte das US-Militär als Betreiber des satellitengestützten Navigationssystems „GPS“ noch einen künstlichen Ungenauigkeitsfaktor aktiviert, der unter ungünstigen Empfangsverhältnissen schon mal eine Abweichung im dreistelligen Meterbereich bewirken konnte.

Auch bei einer späteren Expedition, „Sea, Ice and Mountains”, erlebten wir Ähnliches: in den engen und stürmischen Kanälen auf der chilenischen Seite Patagoniens segelten wir gleich mehrfach an Land. Hier stellte sich heraus, dass das Problem bei der Seekarte lag: einheimische Fischer erzählten uns später, dass ein Kartenblatt einfach eine ”halbe Minute verrutscht” war; nach Westen oder Osten, ich weiß es nicht mehr genau. In diesen gefährlichen Fahrwassern hieß es deshalb unbedingt, neben dem GPS noch sämtliche zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zu nutzen, wie Radargerät, Echolot usw.. Vor allem aber sollte man seine Sinne eingeschaltet lassen – auch heute noch.

Ohne Karte nutzt das GPS nur halb so viel

Von der Dagmar Aaen stiegen wir bei „Sea, Ice and Mountains” 1996 hinauf auf das Südliche Patagonische Inlandeis. Wir planten die erste Durchquerung dieses Kontinentaleisfeldes von Norden nach Süden. Das war bis dahin noch niemandem in der gesamten Länge gelungen – und auch wir schafften es nicht. Immerhin kamen wir weiter nach Süden, als jedes andere Team zuvor.

Segelschiff zwischen EisschollenDas Südliche Patagonische Inlandeis erstreckt sich zwar ”nur” über etwa 450 Kilometer, doch ist Patagonien für sein schlechtes Wetter berühmt. Weiter als jeder andere Kontinent streckt sich Südamerika nach Süden, Richtung Antarktis, und schiebt seinen südlichen Zipfel vorwitzig in die „Roaring Forties” und die „Furious Fifties” hinein, die „Brüllenden Vierziger” Breitengrade und die „Wütenden Fünfziger”. Ungehindert donnern die stürmischen Tiefdruckgebiete in der Westwinddrift mit ihren Niederschlägen auf die Landmassen – jährlich bis zu 11.000 Millimeter. Im ”nassen” Deutschland sind es nicht einmal 1000 Millimeter.  Außerdem bringen die Tiefs schlechte Sicht, Sturm und Orkan.

Weiße Flecken aus dem Weltall

Als wir uns damals um Kartenmaterial kümmerten, staunten wir nicht schlecht: es gab praktisch keines. Das lag einerseits daran, dass Argentinien und Chile sich nicht über den Grenzverlauf einigen konnten. Andererseits gab es tatsächlich keines. Irgendjemand warf siegesgewiss das Wort „Satellitenfoto” in die Runde. Genau! Wo heute ein schneller Click auf Google Earth und Co genügt, herrschte damals Leere – Larry Page und Sergey Brin gründeten Google erst im Jahr darauf…

Wir fragten bei Dornier (heute Teil von EADS) an und erschraken fürchterlich, als wir hörten, was so ein Weltraumbildchen kostete. Aber irgendwie gelang es, Dornier von unserer ach so (un-)wichtigen Mission zu überzeugen: Dornier sponserte das Foto – ein überaus ästhetisches echtes Papierfoto in Poster-Größe. Doch, wie schade, das Patagonische Inlandeis machte seinem Ruf alle Ehre: auch hier wieder der berühmte „Weiße Fleck”. Zwar nicht auf der Landkarte, sondern dieses Mal auf dem Satellitenfoto, doch es war und blieb ein ”Weißer Fleck”. Als tauglichstes Material verfügten wir schließlich über Kopien zweier handgezeichneter Karten im Format DIN A3, die Generationen von Bergsteigern immer wieder manuell ergänzt hatten, sowie ein paar Luftaufnahmen der Chilenischen Luftwaffe. Die US Airforce hatte sie in den fünfziger Jahren fotografiert. Altes Zeug also – aber immerhin hatte es in den fünfziger Jahren einmal gutes Wetter gegeben.

Geduld vor Ehrgeiz

Ich will mal verdeutlichen, was wir da vorhatten: Man stelle sich vor, zwischen Freiburg und Koblenz erstrecke sich ein durchgehendes Eisfeld und es gebe dafür gerade mal zwei handgezeichnete Karten im Format DIN A 3 als Fotokopie! Natürlich hatten wir zwei GPS Geräte dabei – Redundanz = Sicherheit – sowie zwei Kompasse. Aber all die schönen Spielzeuge, egal ob traditionell oder High-Tech, nutzen nur wenig, wenn man über keine Karten verfügt.

43 Tage dauerte unsere Expedition schließlich. Etwa ein Drittel der Zeit verbrachten wir wartend im Zelt. Meistens wegen schlechten Wetters. Einige Male aber auch, weil nur die Sicht schlecht war, wir ansonsten aber eigentlich hätten gehen können. Bei sicheren Verhältnissen (= keine Gletscherspalten) ist das problemlos möglich.  Aber mehr als einmal zeigte unser Kartenmaterial einfach nur eine leere Fläche – sollte heißen „Eis ohne wesentliche Hindernisse” –, während wir in der Realität plötzlich steil bergan steigen oder uns durch ein Spaltenlabyrinth winden mussten. In dieser Situation ist es schlauer und auch sicherer, das Zelt aufzubauen und zu warten.

Redundanz gleich Sicherheit

Eisige Erfahrungen machten wir auch 1999 bei der ”Arctic Spirit Trans-Greenland Expedition”. Zwar bewegten wir uns auch hier auf Skiern fort und zogen unser Gepäck in Pulkas (Zugschlitten), dennoch handelte es sich um einen ganz anderen Trip als in Patagonien. Die Strecke maß gut 600 Kilometer, und wir hatten besseres Wetter, wenn auch größere Kälte: bis –30° C. Diese Kälte ließ bei einem unserer beiden GPS-Geräte das Display einfrieren. Zum Glück hatten wir zwei dabei. Aber in dieser Situation wurde mir klar, wie wichtig eine andere Regel ist. Sie heißt: Sei in der Lage, auch ohne die Technik deinen Weg zu finden. Da hat mir Arved Fuchs als ”gelernter Seemann” etwas voraus: Er kann mit dem Sextanten mehr anfangen, als ihn nur im Wohnzimmer als Deko-Element zu verwenden.

Wenn man das vergleicht, herrschen heute paradiesische Verhältnisse! Für unter 200 Euro bekommt man richtiges gutes, kartentaugliches GPS-Handgerät. Einige topaktuelle Modelle (z.B. jene der Garmin eTrex Serie) können die US-amerikanischen GPS-Satellitensignale UND die des russischen System Glonass empfangen – und zwar parallel. Die Genauigkeit liegt bei wenigen Metern! Dazu kann man digitale Landkarten kaufen, die in der Regel vom Hersteller des Gerätes digital aufbereitet sind, aber ansonsten auf den Daten topografischer Ämter beruhen. Außerdem gibt es kostenlose „Open Street Map“-Karten, wenn auch nur von dichter besiedelten Regionen. Die OSM-Daten werden – ähnlich wie Wikipedia – von den Nutzern selbst zusammengetragen und alle arbeiten gemeinsam an dem großen, hehren Ziel, den Erdball digital zu erfassen. Eine weitere Möglichkeit zu Landkarten zu kommen, stellt „Custom Maps“ dar. Mit dieser Funktion können einige Garmin-Geräte zuvor geo-referenzierte Scans von Papierkarten oder auch von Satellitenbildern darstellen. Gerade für Globetrotter eine großartige Funktion.

A Fool with a Tool still remains a Fool!

Bill Tillmann, einer der berühmtesten englischen Bergsteiger des letzten Jahrhunderts und ein segelnder Abenteurer, sagte einmal: „Ein Schiff ist immer nur so gut wie seine Crew!” Sein Analogschluss war etwas, ich würde sagen, „schräg”: Er hielt sich und seine Crew für die Beste und verzichtete deshalb auf Rettungsinsel, Funkgeräte und sogar einen Motor. Dennoch steckt viel Wahrheit in seinen Worten. Alle Geräte – egal ob Schiff oder GPS, Kompass oder Kugelschreiber – sind nur soviel wert und so gut wie derjenige, der sie bedient. Der Kugelschreiber nutzt nur demjenigen, der schreiben kann. Denken Sie daran, wenn Sie ein GPS-Gerät benutzen – insbesondere am „Ende der Welt”. Wo auch immer das gerade sein mag!

P.S.: Vom Patagonischen Inlandeis gibt es übrigens noch immer keine guten Karten und Google Earth ist auch ziemlich „weiß“.

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