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Motorradtour ins Ungewisse: Tipps für die Weltreise

10426878_303214589856184_4732135192421919212_nAls Steven Hofmann 2011 in einer Tempelanlage in Thailand mit einer 100cc Honda Win seine ersten Gehversuche auf zwei Rädern machte, hätte er sich nicht mal erträumen können, was noch alles vor ihm lag. Fasziniert von der südostasiatischen Kultur wollte er mit der ländlichen Bevölkerung in Kontakt treten und verbrachte jede freie Minute auf den Straßen Südostasiens. Nur eine Woche nach Abschluss seines Studiums stürzte er sich in sein erstes Overland-Abenteuer: 30 000 km von Malaysia nach Deutschland. Aktuell umrundet er Afrika auf einer Yamaha XT 125 R – 18 Monate lang ist er nun schon unterwegs, ein weiteres Jahr liegt noch vor ihm. Für uns fasst er zusammen, welche Überlegungen vor solch einem großen Schritt in die Ungewissheit wichtig sind:

Diese Zeilen schreibe ich aus der Demokratischen Republik Kongo nach mehr als 18 Monaten auf der Straße. Vor mir liegt wohl noch ein weiteres Jahr in Afrika, bevor ich meine Reise in Deutschland beenden werde. Oft werde ich von anderen Reisebegeisterten um Hilfe bei der Vorbereitung ihres großen Abenteuers gebeten. Einige Fragen werden fast immer gestellt, andere wichtige Überlegungen aber allzu oft vergessen. In der folgenden Zusammenstellung werde ich versuchen, auf beide Bereiche einzugehen, um so dem ein oder anderen den vermeintlich großen Schritt in die Ungewissheit vielleicht ein wenig zu erleichtern:

1) Welches Motorrad ist das Richtige für mich?

Die wohl meistgestellte Frage unter angehenden Motorradreisenden. Meine ehrliche Meinung ist: Es ist vollkommen egal. Meine bisherige Reise hätte ich grundsätzlich mit jedem Motorrad bewältigen können. Selbstredend mit einer Enduro oder einem Touring-Bike, aber auch mit einer Harley Davidson oder einer Vespa. Man muss nur seine Reisegeschwindigkeit sowie Route minimal anpassen. Hier sind einige wenige Grundfragen, die bei der Entscheidung behilflich sind:

– Offroad vs. Asphalt

1505092_858943377456579_6310354955277006390_nMit ‚offroad‘ meine ich anspruchsvolles Terrain, wie zum Beispiel Matsch, tiefen Sand oder extrem zerfurchte Straßen. Eine gute Piste oder das gelegentliche Schlagloch lässt sich mit jedem Moped bewältigen. Je mehr man offroad fährt, desto mehr sollte man in Richtung einer kleinen (125-400cc) Enduro gehen. Selbst in tiefem Matsch kann man die Leichtgewichte noch alleine aufheben, was in manchen Regionen buchstäblich überlebenswichtig ist. Bleibt man eher auf der Straße oder möchte auch mal etwas schneller fahren, würde ich zum Touring-Bike raten. Mein Tipp ist, einfach das Motorrad zu wählen, das man sowieso schon hat. Man hat bereits ein wenig Erfahrung damit, fühlt sich sicher und schont sein Budget enorm. Eine letzte Bemerkung noch zu den Straßenbedingungen. Wenn man nur möchte, könnte man von Deutschland aus nach Australien praktisch komplett auf Asphalt fahren; nach Südafrika (sowohl entlang der West- als auch der Ostküste Afrikas) ebenfalls. In der Planungsphase ist der Respekt vor vermeintlich schrecklichen Offroad-Passagen oft noch enorm, stellt sich dann allerdings später als völlig unbegründet heraus.

– Verbrauch

Ein offensichtlicher Punkt, der gerade für Reisende mit kleinem Geldbeutel von Bedeutung ist. Auf meiner Afrikaumrundung beispielsweise werde ich ca. 60.000 km zurücklegen. D.h. jeder Liter, den ich auf 100 km gesehen weniger verbrauche, spart ca 800€. Das ist genug, um zwei Monate sorgenfrei reisen zu können.

– Sind mechanische Grundkenntnisse vorhanden?

Eine kleine Enduro hat kürzere Serviceintervalle und erfordert sporadische Reparaturen. Man sollte daher zumindest grundlegende „Schrauberqualitäten“ mitbringen oder sich vorsorglich ein Werkstatthandbuch (Haynes z.B.) besorgen.

2) Wie bereite ich mich vor?

reparatur alleDieser Punkt ist wirklich Geschmackssache. Ich würde empfehlen, sich gar nicht vorzubereiten. Als ich in Malaysia losgefahren bin, hatte ich gerade erst den Führerschein gemacht und wusste nicht mal, wie man Öl wechselt. Je unerfahrener man ist, desto öfter findet man sich in Situationen wieder, in denen man Hilfe braucht. Und das sind letztlich genau die Momente, in denen man unvergessliche Erfahrungen mit der Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung machen kann. Die Planung für meine derzeitige Reise begrenzt sich auf ein Wort: „Afrikaumrundung“. Alles Weitere – Route, Zeitplan etc. – ließ ich sehr bewusst offen.

Wer sich dennoch vorbereiten möchte, sollte zumindest nur die grobe Route festlegen, um vor Ort noch flexibel zu sein. Vielleicht kommt man mit der Mentalität, dem Klima oder dem Essen in einem Land überhaupt nicht zurecht oder man ist begeistert von eben diesen Punkten in einem anderen Land. Dann sollte man nicht krampfhaft an seiner Reiseplanung festhalten, sondern einfach seinem Bauchgefühl vertrauen und sich treiben lassen. Rigide Zeitpläne erwarten einen in Deutschland noch genug…

Für alle konkreten organisatorischen Fragen (Routen, aktueller Straßenzustand, Visa, Zollbedingungen etc.) kann ich jedem nur wärmstens das Horizons Unlimited Forum empfehlen. Wer des Englischen nicht mächtig ist, kann sich alternativ auf der deutschsprachigen Plattform Wüstenschiff umschauen. Diese ist zwar deutlich kleiner, aber dennoch sehr informativ.

3) Was nehme ich mit?

gepäckEiner der wichtigsten Punkte! Eine Weisheit unter Reisenden besagt: Wenn du ein Reisebudget errechnet und alle notwendigen Sachen zurechtgelegt hast, nimm nur die Hälfte des Gepäcks mit, aber verdopple dein Budget. Eine Faustregel, die ich genau so unterschreiben würde. Natürlich ist dieser Punkt direkt mit der Mopedwahl verbunden. Zehn zusätzliche Kilogramm fallen bei einer 1200 GS kaum ins Gewicht, während sie auf einer 125cc Enduro den Fahrspaß doch deutlich einschränken.

Beim Packen sollte man konsequent zwischen ‚zwingend notwendig‘ und ‚Luxusartikel‘ unterscheiden. Letztere versuche ich soweit wie möglich zu reduzieren.

Hier mal beispielhaft meine Packliste in den Bereichen Kleidung und Camping:

1 Paar Schuhe
1 Paar Flip Flops
1 Sommerjacke
1 Langarmshirt
3 T-Shirts (eines davon zähle ich als Luxusartikel)
1 Hose mit abnehmbaren Hosenbeinen (lang/kurz)
1 Badehose
2 Set Unterwäsche
Zelt
Footprint fürs Zelt
Schlafsack
Innenschlafsack (Luxusartikel)
Isomatte
Kissen (Luxusartikel; ich könnte Kleidung zusammenrollen)
Camping-Kocher inkl. Topfset (Luxusartikel; ich könnte am Abend Früchte oder Brot essen)
 

gepäck2Die obigen vier Luxusartikel sind sehr leicht mit Ausnahme des Camping-Kochers. Daher habe ich letzteren nach einigen Monaten auf der Straße verkauft, um etwas Platz und Gewicht zu sparen. Alle paar Wochen durchforste ich erneut systematisch mein gesamtes Gepäck, um alles auszusortieren, was ich in den letzten 14 Tagen nicht benutzt habe. Abgesehen vom Erste Hilfe Paket, meinem Moskitonetz sowie Werkzeug und Ersatzteilen verkaufe bzw. verschenke ich alles, was ich nur sporadisch benutze. Selbst mein vermeintlich sinnvoll zusammengestelltes Gepäck konnte ich so nochmals um gut 20% reduzieren.

Hat man endlich alle Sachen gepackt, stellt sich die nächste Frage: Koffer oder Soft-Bags? Nach jeweils 30.000 km mit beiden Optionen bin ich ein klarer Verfechter von Soft Bags. Insbesondere wenn man ab und zu offroad unterwegs ist – gerade in tiefem Sand – sind Koffer einfach wahnsinnig gefährlich. Ist man nur einen Moment unaufmerksam, kann man sich seinen Fuß zwischen Box und Motorrad einklemmen, was schnell zu üblen Brüchen führen kann.

wasserD.h. sofern man nicht ausschließlich auf Asphalt unterwegs ist, sollte man meiner Meinung nach zu Soft Bags greifen. Diese sind zudem bei Regen oder Flussdurchfahrten deutlich belastbarer als Koffer. Oft werden schicke Alukoffer als ‚Abenteuer-Edition‘ angepriesen, die dann aber nach dem ersten Sturz schon nicht mehr wasserdicht sind. Auch Reparaturen sind sehr kompliziert, da man außerhalb Europas nur in großen Städten Aluminiumschweißgeräte findet.

4) Warum unternehme ich die Reise?

Das ist meiner Meinung nach die alles entscheidende Frage, da sie die gesamte Reiseplanung diktiert. Geht es mir ums Motorradfahren? Möchte ich möglichst viele Länder besuchen? Suche ich die große Offroad-Herausforderung? Fasziniert mich der kulturelle oder kulinarische Aspekt der Reise?

Ausgehend von meiner Antwort auf diese Frage werde ich versuchen, die Tragweite dieser Entscheidung aufzuzeigen. Warum reise ich? Weil ich neugierig bin! Wie leben Menschen in anderen Teilen dieser Welt? Wie denken sie? Was ist ihnen wichtig? Welche materiellen Dinge sind tatsächlich notwendig – welche nicht?

Schnell war mir klar, dass ich diese Fragen nicht in schicken Hauptstädten, sondern eher in ländlichen Regionen beantworten könnte; in Gebieten, die möglichst weit abseits des Massentourismus liegen. Dort wollte ich mit Einheimischen ins Gespräch kommen, um mehr über ihre Lebens- sowie Denkweise zu erfahren.

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Die ländlichen Regionen Afrikas sind definitiv nicht auf Asphalt zu erreichen, weshalb ich ein möglichst geländegängiges Motorrad benötige. Auch würde es dort weit und breit kein Hotel geben. Ich muss also eine möglichst gute Campingausrüstung mitnehmen, da ich die meiste Zeit zelten werde. Um natürliche, offene Gespräche zu ermöglichen, war es mir sehr wichtig, keine allzu große materielle Distanz zwischen mir und einfachen Dorfbewohnern zu schaffen. Daher wählte ich mit einer 125cc Maschine exakt jene Motorisierung, die sich überall in Afrika und Asien finden lässt. Bei einem solchen Leichtgewicht und den wohl zahlreichen Offroad-Ausflügen entschied ich mich ohne zu zögern für Soft Bags und beschloss, mein Reisegepäck auf das Nötigste zu reduzieren.

Die zwei vermeintlich wichtigsten Fragen – welches Motorrad ist das Richtige und was nehme ich mit – beantworteten sich somit von selbst.

truck stickersDiese Erfahrung wird jeder Overlander immer wieder machen. Alle organisatorischen Fragen und selbst die meisten Probleme unterwegs lösen sich früher oder später in Luft auf. Man trifft immer Reisende oder Einheimische, die einem tatkräftig zur Seite stehen. Nach einigen Wochen blicken die meisten Reisenden etwas belustigt auf ihre anfänglichen Zweifel und Sorgen zurück, die sich als völlig unbegründet herausgestellt haben. So abenteuerlich ein Overland-Trip auch erscheinen mag; wenn man erst mal unterwegs ist, ist alles wahnsinnig unkompliziert. Der schwierigste Schritt ist immer der erste: Das Wagnis, eine solche Reise überhaupt anzugehen. Hoffentlich konnte ich dem ein oder anderen mit diesem kurzen Bericht ein wenig die Angst davor nehmen und vielleicht sehen wir uns ja schon bald irgendwo auf den Straßen dieser Welt.

Solltet ihr noch weitere Fragen haben, dürft ihr mir gerne über Facebook eine Nachricht schreiben. Ich werde sie so schnell wie möglich beantworten.

2 Kommentare zu “Motorradtour ins Ungewisse: Tipps für die Weltreise

  1. Hallo ihr beiden :)

    Klar erinnere ich mich noch an euch. Sorry, ich habe ganz vergessen, euch zu schreiben. Ich geh gleich mal den Zettel mit eurer Emailadresse suchen und schreibe euch dann ausführlicher…

  2. Hallo Steven
    Erinnerst du dich noch an uns? Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs. Getroffen haben wir uns in Namibia ca. 20km vor oder nach Aus.
    Wäre schön von dir zu lesen.
    Herzliche Grüße
    Urs + Karin

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