Hose runter, Laufuhr an: Nacktsport als Trend?

Wundgescheuerte Oberschenkel vom Regen, aufgeriebene Brustwarzen vom verschwitzten Trikot. Wer jetzt noch einige Kilometer Lauf vor sich hat, muss hart sein und leiden können. Warum nicht einfach nackt laufen und sich vom Kleidungsballast befreien (so wie es beim Nacktwandern auch der Fall ist)? Mit der richtigen Portion Selbstbewusstsein scheinbar kein Problem. Allerdings hat der Nacktsport, natürlich, seine Tücken und ein Imageproblem. Zeit für nackte Tatsachen. Wir klären, wer sich an diesem ungewöhnlichen Trend beteiligt, reden über Beweggründe und die Gesetzeslage. Und stellen Nacktläufe vor. Ganz ohne platte Witze. Versprochen. Ab jetzt.

Warum nackt laufen?

Nacktsport - eigentlich nichts ungewöhnliches. Foto: AKG
Olympia ohne Funktionskleidung / Foto: AKG

Nudisten verweisen stolz auf die lange Tradition der Freikörperkultur. Bei den Olympischen Spielen der Antike wurden beispielsweise die Disziplinen Leichtathletik und Kampfsport nackt ausgetragen, darunter auch die Läufe. Die Lebensreformbewegung machte FKK und Nacktsport in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts populär. Auch Herman Hesse war ein Anhänger und ging nackt zum Bergsteigen.

Nacktläufer behaupten, sie fühlen sich körperlich und seelisch frei und mit der Erde und Mutter Natur verbunden. Gerne spüren sie die Sonne und den Wind überall auf ihrer Haut und empfinden die verschiedenen Intensitäten der Witterung mit allen Sinnen. Lediglich die Lauf- oder Outdooruhr muss mit. Ideal, wenn man keine Taschen hat.

Wundgescheuert durch Funktionskleidung.
Wundgescheuert durch Funktionskleidung

Obwohl es Funktionskleidung gibt, sind die Naturisten der Ansicht, dass der Körper durch ungehindertes Schwitzen seine Temperatur besser ausgleichen kann. Zudem spart man Wasser und Strom für die Waschmaschine, auch nicht schlecht. Doch wer denkt dabei an die arme Textilbranche?

Sport ohne Klamotten? Wer macht denn sowas?

Die FKK-Vereine fördern die sportliche Betätigung ihrer insgesamt knapp 40.000 Mitglieder und gehören zum Deutschen Olympischen Sportbund. Viele haben Laufstrecken auf ihrem Gelände. Abgesehen davon wird das Nacktlaufen von einer zunehmenden Anzahl von Freizeitsportlern ausgeübt, die sich in Nacktsportgruppen zusammenschließen. Diese Naturisten-Community schätzt sich selbst auf eine Größe von drei- bis vierhundert Personen in Deutschland.

Hermann Hesse / Foto: Deutsches Literaturinstitut Marbach
Hermann Hesse beim Wandern/ Foto: Deutsches Literaturinstitut Marbach

Zu wenige, um der Textilbranche zu schaden. Die Anzahl der Freizügigen ist in den letzten Jahren merklich gestiegen. Nackt, so sagen sie, haben sie einfach das beste Körpergefühl, ganz ohne sexuelle Hintergedanken. Allgemein beruht die Bewegung auf Respekt vor sich selbst, vor anderen und vor der Natur. Dennoch findet sich das Thema häufig negativ behaftet in der „Schmuddelecke“ wieder.

Dass es auch anders geht, zeigt Michael Allmaier in seinem lesenswerten Selbstversuch „Hose runter, Schuhe an“ in der ZEIT und erklärt, dass seine Mitwanderer als Beamte, Akademiker und Ingenieure bekleidet fast alle als Stützen unserer Gesellschaft tätig sind. Einige sind der Meinung, dass das Bedürfnis, nackt zu sein, tief in den Menschen verwurzelt ist. Aber Nacktsport als Bürgerrecht?

Nacktsport? Ist das überhaupt legal?

Foto: AFP
Einfach nicht hinsehen? / Foto: AFP

Ein Gesetz, das Nacktsein in der Öffentlichkeit verbietet, gibt es nicht. Aber wie kommt es, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, in Deutschland einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen, als einen Nacktsportler? Nach § 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes kann Nacktlaufen wegen Belästigung der Allgemeinheit zur Anzeige gebracht werden.

Deutschlands berühmtester Nacktjogger Peter Niehenke kann ein Lied davon singen, weil er gerne in Freiburg seine Runden dreht und deswegen in der Summe bereits mehrere tausend Euro Ordnungsgeld entrichten musste. Abseits von Siedlungen im Wald wird das Nacktjoggen toleriert, da die Sportler in entlegenen Gebieten offensichtlich keine provokativen Absichten haben. Das reicht scheinbar nicht für den Breitensport.

Foto: Jonathan Maus / www.bikeportland.org
Nicht nur nackt laufen, es daraf auch geradelt werden. Foto: Jonathan Maus / www.bikeportland.org

Anders als in Deutschland ist Nacktsport in vielen europäischen Ländern illegal. In der Schweiz musste ein Nacktwanderer z. B. wegen unanständigen Benehmens eine Geldbuße von circa 82 € entrichten. Auch in Großbritannien ist das FKK-Wandern strafbar: Der Schotte Stephen Peter Gough wanderte nur mit dem Rucksack bekleidet durch Großbritannien und saß dafür zwischen 2003 und 2012 mehr als sieben Jahre im Gefängnis. Für Österreicher ist das Nacktwandern offiziell erlaubt, allerdings müssen die Wanderer dafür Sorge tragen, dass der öffentliche Anstand nicht gefährdet wird.

Ohne Sachen. Wo kann man das machen?

Nacktläufe sind für die Beteiligten ein Riesenspaß und werden im Sommer überall auf der Welt organisiert. Drei der bekannteren Läufe sind:

Sopelana Naturist Race

Nacktläufe gibt es, wir stellen sie vor. Foto: AFP
Sopolena Naturist Race / Foto: AFP

In Spanien findet seit 1999 jedes Jahr im September ein Nacktlauf am Strand von Sopelana in der Nähe von Bilbao statt. Im Jahr 2003 hat die Nudisten-Vereinigung Basque Country Naturist Club das Event übernommen und es nach seinem Gründer, dem Läufer Patxi Ros, benannt. Männer, Frauen und Kinder nehmen an dem fünf Kilometer langen Rennen teil, wobei die Strecke für die Jüngeren verkürzt wird.

Abhängig vom Wetter finden sich alljährlich zwischen 80 und 130 Sportler ein. Der Startschuss fällt um zwölf Uhr mittags, wenn gerade Ebbe herrscht. Zweck der Veranstaltung ist die Förderung von Naturismus, Sport und gesundem Leben.

Nakukymppi

Am finnischen Nacktlauf Nakukymppi kann man jedes Jahr eine Woche vor Mittsommer im Ort Padasjoki mitmachen. Die Location wurde nicht ohne Grund ausgewählt: Es gibt dort mehr Ferienhäuser als ständige Einwohner. Der Lauf, bei dem ungefähr 70 Menschen zusammenkommen, wurde 2003 von Aarne Heino gegründet.

Schuhe und Socken erlaubt / Foto: AFP
Schuhe und Socken erlaubt / Foto: AFP

Die Teilnehmer können eine maximal zehn Kilometer lange Route laufen, gehen oder nordic walken; dabei dürfen nur Schuhe, Socken und eine (exotische) Kopfbedeckung getragen werden. Auch die GPS-Uhren dürfen die Läufer anbehalten, sodass sie Route und Schrittfrequenz festhalten können. Wie die Fotos im Internet zeigen, sind außerdem Capes, Flaggen und Ganzkörperbemalung erlaubt.

Roskilde Naked Race

Das Non-Profit-Musikfestival in Roskilde (Dänemark) ist mit rund 115.000 Besuchern eines der größten und berühmtesten in Europa. Der hauseigene Festival-Radiosender hat den Nacktlauf, der eigentlich als Promogag gedacht war, 1999 ins Leben gerufen. Um die Freikarten für das Festival im nächsten Jahr zu gewinnen, mussten anfangs 25 kurze Runden um das Festivalgelände zurückgelegt werden. Die letzten Wettläufe wurden aber auf bis zu zwei Runden verkürzt, vor allem bei schlechtem Wetter. Von den knapp 30 Athleten sind rund die Hälfte Frauen.

Zugegeben, die genannten Nacktläufe können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nacktsport kein Breitensport ist. Egal ob man sich nun in enge Laufkleidung zwängt oder lieber nackt unterwegs ist: Was zählt ist die gegenseitige Rücksichtnahme und der Spaß am Sport mit der Freude daran, in der Natur und an der frischen Luft unterwegs zu sein. So, wie es die Nacktwanderer auch tun.

1 Kommentar zu “Hose runter, Laufuhr an: Nacktsport als Trend?

  1. In dem Buch von Alexander Zettrawski »Weltretten Geht anders: Für Menschen, die ausgetretene Pfade verlassen« (Selbstverlag bei Amazon), Nov. 2016, beschreibt der Autor die „angenehmste und mit Abstand gesündeste sportliche Freizeitaktivität“, einen Sport, der gerade in seiner vollen Perfektionierung als Nacktsport über die Eigenschaften und Ziele von Sport hinaus geht und zu einem (täglichen) Kurzurlaub wird.

    Das preiswerte Büchlein (80 Seiten, auch als eBook) ist zu empfehlen, besonders – aber nicht nur -, wenn man sich für Nacktsport interessiert.

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