Navigation ohne GPS – die ersten Geräte für das Auto

(von Dieter Niewierra) Es gibt lange historische Abhandlungen über die Geschichte der Navigation: Die Orientierung an den Sternen, der Wetterseite von Bäumen und Felsen, die Erfindung von Sextant, Kompass und dergleichen bieten Stoff für mehrere Hundert Regelmeter an Literatur. Wesentlich weniger Informationen gibt es seltsamerweise zu manch interessanten und kuriosen Tüfteleien der jüngeren Vergangenheit, die für das Auto entwickelt wurden.

Schon vor der Etablierung der satellitengestützten Navigation (GPS) hatten sich findige Ingenieure und Autohersteller Gedanken darüber gemacht, wie man sich als Autofahrer besser orientieren kann und durch Hilfsmittel zum Ziel geleitet wird. Klar – Straßenschilder, Straßenkarten und Atlas gab es auch schon in den Anfangstagen des Automobils. Aber nicht jeder konnte oder wollte mit aufgeklappter Karte über dem Lenkrad unterwegs sein. Ganz abgesehen von den Unfällen, die auf diese Weise wohl passiert sind.

Die Lösung, die italienische Ingenieure in den frühen 1930er Jahren fanden, ähnelt schon sehr stark heutigen Navigationssystemen, ist aber trotzdem eine gänzlich kuriose und auch pfiffige Kiste: Das Iter Avto (was grob übersetzt soviel heißen dürfte wie „Der Weg des Autos“)! Erst vor Kurzem hatte man in England wieder Material über dieses Gerät gefunden, das wie ein heutiges Navigationsgerät am Armaturenbrett des Autos angebracht war und dessen Kartendarstellung sich während des Fahrens verändert hat. Also schon damals alles so, wie wir es bei aktuellen Navis kennen?

Das Funktionsprinzip des Iter Avto ist einfach und naheliegend: Eine festgelegte Strecke – z.B. die Autobahnstrecke von Hamburg nach München – wird auf eine Papierrolle übertragen und diese in das Iter Avto eingelegt. Die Spule ist dabei mit dem Antrieb des Fahrzeugs verbunden. Je nach Geschwindigkeit wurde die Rolle dann langsamer oder schneller abgespult. Durch eine Sichtscheibe im Gerät sah der Fahrer dabei den jeweils vor ihm liegenden nächsten Streckenabschnitt.

Die Kombination von Karte und Geschwindigkeitsmesser war in dieser Ausprägung sicherlich ihrer Zeit voraus und vom Ansatz her durchaus genial. Der große Nachteil lag allerdings in der Starrheit des Systems und dass es natürlich ohne GPS gar nicht wissen konnte, wo sich des Fahrzeug befand: Wenn man vom definierten Weg abgewichen war oder gar umgekehrt wäre, wäre der Streckenzähler und entsprechende Kartenabschnitt unbeirrt weiter gelaufen.

Vorgestellt wurde das Iter Avto im Jahre 1932 – zu einer Zeit, als weltweit gerade mal 3 Millionen Autos verkauft wurden. Entsprechend wenige Fahrzeuge waren damals auf den Straßen unterwegs und ein Stau entstand allenfalls durch einen Unfall, nicht aber durch zu viel Verkehr. Und entsprechend wenige Geräte wurden davon damals auch verkauft – ein Bestseller jedenfalls wurde der Iter Avto nicht. Er geriet relativ schnell in Vergessenheit und dürfte heute zu den seltensten technischen Geräten des frühen 21. Jahrhunderts zählen.

Und was hat sich seit dem getan? Inzwischen geht es bei der Navigation im Auto nur noch teilweise um das Motto „wo bin ich und wo muss ich hin“. Das ist nur noch Großstadtverkehr der Fall, und es leisten intuitive Kartendarstellung, Abbiegeassistenten, Sprachansage und Kreuzungsansichten eine bestmögliche Hilfestellung für den Fahrer. Hier hat auch die Unterstützung durch Satelliten- bzw. GPS-Technologie den entscheidenden Entwicklungssprung getan.

Moderne Navigationsgeräte berechnen die für ein Ziel bestmögliche Strecke bzw. finden die für die verfügbare Zeit bestmögliche Strecke. Dies geschieht durch die Kombination von unterschiedlichsten Verkehrsberechnungsmodellen, Informationen zur Verkehrslage und Berücksichtigung sämtlicher verkehrsrelevanter Faktoren.

Aus heutiger Sicht ist es schon interessant, dass man sich bereits vor 80 Jahren mit dem Thema Navigation im Auto befasst hatte und auch ähnliche Lösungsansätze dafür hatte. Kein Mensch hätte aber wohl damals gedacht, wie sich die Technologie und auch die Anforderungen des Fahrers an die Informationen geändert haben. Aber dennoch: Alle Achtung und Respekt vor dem Erfinder des Iter Avto.

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