Von München nach Venedig… beinahe

Der Weg nach Venedig
Der Weg nach Venedig

(von Micha Stange) Irgendwann vor etwa zehn Jahren erzählte mir ein Freund, er habe zu Fuß die Alpen überquert. Auf meine zu dem Zeitpunkt vielen ungläubigen Fragen gab es jede Menge Antworten, die mich immer mehr den Kopf schütteln ließen. Von München nach Venedig – in etwa vier Wochen und dabei nur drei Mal „nicht-draußen“ übernachtet. „Verrückt!“, dachte ich und mit dem Gedanken „Student müsste man sein“, verschwand jegliche Überlegung der eigenen Machbarkeit sofort wieder in der Versenkung.

Doch auch wenn die Jahre so vergingen, geisterte mir diese Idee immer mal wieder durch den Kopf. Bis eines Tages bei Träumereien am Lagerfeuer der Satz fiel: „Lass uns doch mal von München nach Venedig laufen!“ Ja warum eigentlich nicht? Und ab da begannen die Planungen mit einem Kumpel den „Traumpfad“ zu wandern.

Startpunkt: Der Münchner Marienplatz
Startpunkt: Der Münchner Marienplatz

Etwa zwei Jahre später – diesen Sommer – war alles organisiert. Urlaub geplant, Zug nach München gebucht, Ausrüstung zusammengestellt und das GPS-Gerät mit alpiner Wanderkarte und Track gefüttert. Es konnte also losgehen, die Traumtour, die Männertour, auf die ich mich schon so lange freute.
Als „Abenteuer der Moderne“ bezeichne ich ihn gern. Diesen Weg der über 580km, 20.000 Höhenmeter in 28 Tagen vom Marienplatz zum Markusplatz führt und von Ludwig Graßler 1974 zum ersten Mal gegangen wurde.
Kurz vorm Start sollte jedoch aus der geplanten „Männertour“ eine „One-Man-Show“ werden, da meinen Kumpel persönliche Gründe zu einer Absage zwangen. Die Gedanken die einem in solchem Moment durch den Kopf gehen kann man kaum beschreiben. Jetzt stand ich vor der Frage „allein“ oder „gar nicht“, den Traum zu verwirklichen, bis sich plötzlich eine bis dahin überhaupt nicht in Erwägung gezogene Option ergab. „Ich könnte doch für eine Woche mitkommen.“ waren die Worte meiner Partnerin. Nie hatte ich bis dahin darüber nachgedacht. Eine „Männertour“ sollte es doch werden und meine Erfahrung aus gemeinsamen Wanderungen weit jenseits der vorgegebenen Tagesetappen, begründeten große Zweifel in mir.
Dennoch standen wir gemeinsam am 06. Juli um 10:15 Uhr auf dem Marienplatz und starteten auf die erste Tagesetappe nach Wolfratshausen.
Mit 14kg Gepäck auf dem Rücken ging es zunächst zur Museumsinsel um dort die Tagesaufgabe des Geocaches „München-Venedig / Munich-Venice / Monaco-Venezia“ zu absolvieren – wenn der schon mal auf dem Weg liegt – und kurze Zeit später ging es immer an der Isar entlang stadtauswärts.
Mit vielen Impressionen vergingen die Kilometer. Doch es dauerte nicht lange, bis sich das ungewohnte Gewicht des Rucksacks in Form von Blasen an den Füßen bemerkbar machte, was mich schnell an der zuvor noch geglaubten Sinnhaftigkeit von so manchem Ausrüstungsteil zweifeln lies. Gegen 19:00 Uhr kamen wir – ziemlich erschöpft – in Wolfratshausen an und fanden im „Aujäger“ auch ein tolles Quartier mit einer super netten Wirtin. Mit zwei kühlen Radlern beendeten wir den ersten Wandertag.

"Da ist ein Schatz aber weit drin" - Als neugieriger Geocacher musste ich gleich mal nachsehen!
„Da ist ein Schatz aber weit drin“ – Als neugieriger Geocacher musste ich gleich mal nachsehen!

Die Isar zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz auf dem Weg zum "Malerwinkel"
Die Isar zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz auf dem Weg zum „Malerwinkel“

Die nächsten Tage führten uns immer weiter an der Isar entlang über Bad Tölz nach Lenggries, wo endlich auch „die Berge“ begannen und der schier nicht enden wollenden „Hatsch“ ein Ende setzten. Oben am Brauneck (1.555m) schlängelte sich ein wunderschöner kleiner Pfad auf schmalem Grat hinauf zum Latschenkopt (1.712m).

Kammweg vom Brauneck zum Latschenkopf, Europawanderweg E4
Kammweg vom Brauneck zum Latschenkopf, Europawanderweg E4

Weit im Hintergrund ist Bad Tölz, von wo aus wir an dem Tag losgelaufen sind
Weit im Hintergrund ist Bad Tölz, von wo aus wir an dem Tag losgelaufen sind

Vorbei an Eis, Schnee und Steinböcken, welche sich so überlegen fühlten, dass sie sich auf fast zehn Meter herantrauten, ging es unterhalb der Benediktenwand zur Tutzinger Hütte. Nach einem zünftigen Abendessen und dem verdienten Radler fielen wir todmüde ins Bett und auch das stärkste Schnarchkonzert anderer Hüttengäste vermochte es nicht uns zu wecken.

Zwei Rindviecher ;-) auf dem Weg zum Karwendelhaus
Zwei Rindviecher 😉 auf dem Weg zum Karwendelhaus

Die folgenden Tage vergingen ähnlich. Wir starteten voller Elan am Morgen, wanderten bergauf und bergab, erfreuten uns an wunderschöner Natur und kamen am Ende des Tages an einer Hütte an. Ein besonderes Phänomen dabei ist, dass ich jeden Morgen im wahrsten Sinne „Bäume ausreißen konnte“ und es an der Bewältigung der Strecke nach Venedig überhaupt keinen Zweifel gab. Abends war von dieser Euphorie jedoch nichts mehr übrig, nur um am nächsten Morgen wieder in vollen Tatendrang umzuschlagen. Dabei wäre uns dieses Phänomen beinahe zum Verhängnis geworden.

Am Vorabend der „Königsetappe“ durch das Schlauchkar, kamen wir – wie immer ganz schön geschlaucht – am Karwendelhaus an und es bahnte sich aufgrund des diesjährigen langen Winters an, dass die Überquerung nicht möglich oder eben gefährlich sei. Der Hüttenwirt war superfreundlich – wie eigentlich jeder, den wir trafen-, gab am Abend die zu erwartende Wetterlage bekannt und zeigte Bilder von den Verhältnissen auf dem Berg. Keinen hat er den Rat gegeben „drüber zu machen“, obwohl er es für möglich hielt. Wir nahmen uns den Spruch zu Herzen „dass der höchste Gipfel manchmal im Verzicht zu finden ist“, entschieden uns für die 38km lange Umwanderung und gingen zu Bett. Am nächsten Morgen war es dann wie jeden Tag. Wir standen am Wegweiser und waren der Versuchung nahe, es doch zu wagen. Ein kleiner gedanklicher Klaps auf den Hinterkopf brachte uns jedoch wieder zu Vernunft. Abends erfuhren wir dann von drei anderen Venedigwanderern, dass sie über den Berg gegangen sind, es sehr gefährlich war, einer über 20m auf einem Schneefeld hinabrutschte und nur ganz knapp Schlimmeren entgangen ist. – „Gott sei Dank, alles richtig gemacht!“

 Auf dem Weg von der Benediktenwand nach Jachenau kamen wir an dem Wasserfall vorbei und da der Weg bis dahin schon sehr schweißtreibend war, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, eine kleine Abkühlung zu nehmen. Dabei hatte das Wasser Schätzungsweise etwa 8°C, kam ja direkt vom Berg
Auf dem Weg von der Benediktenwand nach Jachenau kamen wir an dem Wasserfall vorbei und da der Weg bis dahin schon sehr schweißtreibend war, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, eine kleine Abkühlung zu nehmen. Dabei hatte das Wasser Schätzungsweise etwa 8°C, kam ja direkt vom Berg

Isarquelle oder besser "Isarursprung" da die Isar aus mehreren Quellen entspringt. (zwischen Karwendelhaus und Hallerangerhaus) Das Wasser quellte dort direkt aus der Erde und war um Längen kälter als der Wasserfall. Ich habe es gerade für das Foto im Wasser ausgehalten.
Isarquelle oder besser „Isarursprung“ da die Isar aus mehreren Quellen entspringt. (zwischen Karwendelhaus und Hallerangerhaus) Das Wasser quellte dort direkt aus der Erde und war um Längen kälter als der Wasserfall. Ich habe es gerade für das Foto im Wasser ausgehalten.

Am Ende der 7. Etappe kamen wir im Inntal wieder in die Zivilisation. Man kann sich kaum vorstellen, wie nach ein paar Tagen in den Bergen der einfache Verkehrstrubel einer so kleinen Stadt wie Wattens total stressen kann. Plötzlich gab es auch wieder Fernseher, Radios und vor allem Handyempfang, was den Wunsch mit sich brachte, schnellstmöglich wieder in die Bergwelt abzutauchen.
Doch hier war auch der Punkt gekommen, ab dem ich den weiteren Weg allein bestreiten sollte. Was mich schon seit einer ganzen Weile beschäftigte. OK, nach Venedig wandern auch noch andere Leute, welche man abends auf der Hütte traf, aber deren Anzahl war sehr überschaubar und so manches Grüppchen schon eine Woche zusammen. Ich entschloss mich zunächst für die Tour und lief die 8. Etappe zur Lizumer Hütte, allein. Die 1.600 Hm legte ich in 4:50 h und kam als erster oben an. Doch irgendwie war alles anders und das, obwohl ich mir zum ersten Mal auch ein Bett aussuchen konnte.

Unberührte Natur
Unberührte Natur

Schnell habe ich herausgefunden woran es lag, denn der Spaß blieb auf der Strecke. Den ganzen Tag habe ich kaum jemanden getroffen, ein Berg war plötzlich nur noch ein Berg und eine Blume eben nur noch eine Blume. Du denkst dir: „hübsch“ und gehst weiter. Es ist einfach etwas anderes, wenn man Erlebnisse und Eindrücke mit niemanden teilen kann und auch das verdiente Radler schmeckte nicht wie am Tag zuvor. Um es mit den Worten von Elizabeth Green zu sagen: „Sometimes the most ordinary things could be made extraordinary, simply by doin them with the right people“. – recht hat sie.

Es waren jedoch noch andere Faktoren, die mich zum Entschluss kommen ließen, die Tour zu vertagen. Der Sicherheitsaspekt sowie die unklare Wegelage aufgrund des Schnees waren nur einige davon.
OLYMPUS DIGITAL CAMERAAngekommen zu Hause wurde ich oft gefragt, ob ich es bereue abgebrochen zu haben. Worauf ich immer nur sagen: „Nein, ich bereue nichts. Ich bin 200km durch wunderschöne Natur gewandert, habe mich viel gefreut und schöne Dinge gesehen. Es war eine wunderschöne Zeit, mit tollen Eindrücken von denen ich noch lange zehren kann.“
Ich freue mich schon auf jenen Tag, an dem ich den Weg weitergehe.

3 Kommentare zu “Von München nach Venedig… beinahe

    • Hallo Katharina,
      ich nehme an Du meinst den „Schatz“ in dem Bunker. Dazu muss ich sagen, dass ich ein paar hundert Meter zuvor bereits an einen ähnlichen Bunker vorbeigekommen bin und bereits dort war mein Interesse geweckt. Dort gab es auch ein so kleines Loch, wo ich nicht hineingekrochen bin, schließlich waren wir ja zum Wandern da.
      Und wie wir so weitergehen und ich darüber nachdenke, was sich wohl dahinter versteckt haben könnte, kamen wir an dem Exemplar vom Bild vorbei. Hier konnte ich spätestens nach der Entzifferung der vielen Graffiti nicht mehr widerstehen. Ich stellte Wanderstock und schweren Rucksack ab und kroch lediglich mit dem Licht des Handys hinein. Die Mauer war etwa 60cm dick und im Inneren war es sehr kalt und ziemlich feucht. Nach einem oder zwei Vorräumen – genau weis ich es nicht mehr – schloss sich ein etwa 15m langer und 6m breiter Raum an, in dem bereits viele Bruchstücke von Wänden und Decke lagen. Ich arbeitete mich mit dem kümmerlichen Handylicht, welches von dem dunklen Raum quasi verschluckt wurde, bis in die hinterste Ecke vor, wo ein Schacht noch etwa 2,5m nach unten ging.
      Doch wo ich auch suchte, einen „Schatz“ fand ich leider nicht. Zumindest nicht wenn man Schatz mit Geocache gleichsetzt. Denn für mich war dieses kleine Abenteuer schon eine Bereicherung, womit der Slogan am Eingang doch Recht behält.

      Lieben Gruß
      Micha

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