Auf Weltreise durch Indien – eine Hassliebe

Matthias Barth(von Matthias Barth) Auf meiner einjährigen Weltreise von Deutschland nach Tibet musste ich mich zwangsläufig auch nach Indien, mit seinen bekannt extremen Verkehrsverhältnissen wagen. Insgesamt verbrachte ich drei Monate im Land und musste dabei fleißig Kilometer spulen. In dieser Zeit sah ich lediglich zwei geparkte Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen, denn in Indien grenzt es schon an Lebensmüdigkeit sich mit dem Auto von A nach B zu bewegen. Trotz allem war es eine unwahrscheinliche Erfahrung, wenn ich auch täglich mehrere Herzinfarkte am Steuer erleben musste.

Nur wenige Inder besuchen eine Fahrschule. Wozu auch? Es ist einfacher, sich die Lizenz zu erkaufen. Anschnallpflicht gibt es nicht und Motorradfahrer ziehen auch keinen Helm auf. In ihren Religionen ist ja verankert, dass ihr Schicksal in den Händen einer der vielen Götter liegt. Dann eben „next life“, falls etwas passieren sollte.

Navigation mit Garmin OregonIch habe diese kleine Geschichte über die Umfahrung der Megacity Neu-Delhi ausgewählt, da ich diese nicht ohne meinen Garmin geschafft hätte. Ich wollte diese Stadt nicht besichtigen, da ich mir schon Mumbai mit seinen 16 Millionen Einwohner angesehen habe und das reichte mir an Eindrücken und dem Verkehrschaos. Die Hauptstadt Indiens bietet sicherlich einiges an Sehenswürdigkeiten, doch mir war einfach danach, diese so geschickt und schnell wie möglich zu umfahren. Auf meiner Landkarte sah es unkompliziert aus und auch auf dem Garmin war klar zu erkennen, dass meine Straße von Süden kommt und durch die Stadt führt, dann lange Zeit nichts Besonderes passiert und der Weg weiter Richtung Norden weist. Soweit die Theorie.

Es war schon gegen Nachmittag, und ich plante etwa zwei Stunden Zeit für die Umfahrung ein und hoffte insgeheim auf eine Bypass Road. Dieses Wort lernte ich auf meiner Reise zum ersten Mal im Iran kennen, nur dort wurden die Straßen vor 40 Jahren zu Zeiten des Schah-Regimes etwas besser und logischer geplant. Eine Bypass Road ist lediglich eine Umfahrung des Stadtzentrums, was bei 18 Millionen Einwohnern und entsprechend vielen Bauten schon mal eine guter Ansatz sein kann. Auf dem Garmin wurden alle Abzweigungen, Autobahnauffahrten und auch kleineren Straßen äußerst genau angezeigt.

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Es war Nachmittag, und ich hatte den Zeitdruck, dass ich die Umfahrung bis spätestens um 19 Uhr abgeschlossen haben sollte, da ich sonst in den mörderischen Verkehr bei Nacht eintauchen hätte müssen, und das wäre nicht so angenehm. Fast alle Fahrzeuge fahren dann nämlich mit Fernlicht, denn es ist einfach heller, und der indische Fahrer sieht dann einfach besser! Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass die Inder die Straße nicht als Fahrstraße sehen sondern als Wohn- und Lebensraum. Ich bin ein paar Mal in der Nacht gefahren, und es gleicht einem Wunder, dass ich nicht Straßenhändler, Fußgänger, Kühe und Pferdefuhrwerke überfahren habe, die nachts natürlich unbeleuchtet auf der linken Seite der Straße stehen oder entlang laufen. Durch die Blendung des Gegenverkehrs mit dem Fernlicht ist es kaum möglich etwas genau zu erkennen und es tauchen aus dem Nichts alle paar Sekunden die vielen schemenhaften Umrisse auf.

Zurück zu der Bypass Umfahrung der Metropole Neu-Delhi. Schon die Luftverschmutzung und die daraus resultierende smogartige Dunstglocke trugen jetzt nicht gerade zu einer ausgelassenen Stimmung innerhalb meines Fahrzeuges bei. Ich war oft nur noch genervt. Wie angedroht, führte die Straße mitten in die Stadt, und ich versuchte vergeblich ein Schild für die Umfahrung zu erspähen. Bypass Road? Die nächste Ortschaft? Wozu auch Schilder aufstellen. Somit blieb nichts anderes übrig als mir selbst einen Weg auszumalen, der effizient und schnell am Zentrum vorbei führte. Ich entschied mich spontan für die rechtsseitige Abbiegung. Es hätte natürlich auch links sein können, doch da mir niemand die entscheidenden Infos geben konnte, und ich der einzige Entscheidungsträger in meinem Fahrzeug war, fühlte ich mich bei rechts bestätigt.

Straßenverkehr Neu-Delhi

Trotzdem stoppte ich ab und an und versuchte mein Glück, wertvolle Informationen zu bekommen. Ich fragte an Tankstellen nach, da ich dort erfahrungsgemäß am ehesten eine vernünftige Auskunft bekam. „Ja, da sollte ich jetzt erst mal geradeaus und dann Richtung Ortschaft X –  …. aha? Ja, wann kommt dann Richtung Ortschaft X? – About 5 minutes.“ Kurzum, ich habe die Ortschaft nicht gefunden. Ich konnte zumindest sehen, dass ich nur mühsam in dem Feierabendverkehr vorankam. Die Sonne schaffte es gerade noch, ihre Strahlen durch die smogverseuchte Glocke zu schicken.

Ich erinnere mich an Autobahnauffahrten, an denen ich hätte abbiegen können und verpasst habe, da die Abzweigungen ganz anders aufgebaut sind als hier in unserem perfektionierten Land. Also wieder zurück und in der Rushhour mal schnell wenden. Die Inder gehören leider zur Gattung der Egomanen am Steuer. Ein Wendemanöver mit meinem Jeep ist ein gewagtes Unterfangen. Mein Defender hat den Wendekreis eines Panzers und es bedarf ein paar freier Spuren ehe ich den 180 Grad Turn abgeschlossen habe. Nur durch Handzeichen ist es möglich, sich einen gewissen Druck und Respekt zu erwinken und erwirken. Blinken wird oft nicht als nötig angesehen, und an vielen Autos sind keine Außenspiegel vorhanden, da es vielen völlig egal ist, was hinter einem verkehrstechnisch so passiert.

Kinder in Neu-DelhiBei einer Abfahrt verjüngte sich die Straße so sehr, dass nur noch eine Spur existierte und wir durch ein Wohngebiet geschleust wurden. Hunderte Inder in Feierabendlaune wollen alle gleichzeitig von drei auf eine Spur wechseln. Auch das funktioniert in diesem Land, wenn nur genügend Zeit eingeplant wird. Über die Fahrweise der Inder kann ich leider kaum Positives berichten, obwohl mir dies schwer fällt. Ich hatte eine atemberaubende Zeit dort, doch es verbindet mich mit Indien eine Art Hassliebe, der erste Teil des Wortes gilt dem Verkehr.

Meine Schilderung ist zwar subjektiv, doch Zahlen sprechen für sich. Indien zählte 2012 etwa 105 725 Verkehrstote. Das kommt leider nicht von ungefähr. In der Suchmaschine bekommt man ein Statement aus der Zeitung „DIE WELT“. Zitat:“ Der Grund, so meinen Experten, liegt in schlechter Straßenplanung, mangelnder Kenntnis oder Durchsetzung der Verkehrsregeln, einem Anstieg der Zahl an Lastwagen und Autos – und vor allem einer wahren Flut ungeübter Fahrer.“ Oder eine weitere Information über die Stadt, über die ich gerade berichte: „Unfallreichste Städte: Platz 1. Delhi: 7.516 Verkehrsunfälle pro Jahr davon 30,9% mit Todesfolge, macht 2.325 Todesopfer.“ Also liege ich mit meiner Einschätzung nicht ganz falsch.

Nachtlager im WeizenfeldIch kämpfte mich weiter Richtung Norden durch und wechselte von einem Highway zum nächsten. Irgendwann mal war ich auf der richtigen Straße und erkannte das erste Mal, dass die Richtung stimmte. Die nächste größere Stadt war richtig angeschrieben. Erst nach der kompletten Umfahrung von dem Großraum Delhi installierten die indischen Behörden ein Schild mit dieser wichtigen Information. Meine Befürchtung trat leider ein. Ich kam in den nächtlichen Verkehr, doch irgendwie schaffte ich es nach ein paar Kilometer meinen Wagen in ein Weizenfeld zu stellen. An diesem Abend kamen mal keine Behörde oder Dorfbewohner vorbei und nervten mich. Ich hatte es geschafft, und das tückische Verkehrslabyrinth Delhi lag hinter mir.

barth profilÜber den Autor Matthias Barth: Mit dem Defender alleine von München nach Tibet – und das in 12 Monaten. Am 27.Juni bin ich wieder in Deutschland eingetroffen. Bluey, so heisst mein Wagen, schippert noch für einige Zeit über die Weltmeere, ehe er Anfang August im Hamburger Hafen eintreffen wird. Hier erzähle ich euch, wie ich den Verkehr in Delhi erlebt habe. Weitere Geschichten rund um meinen Abenteuer-Trip findet ihr auf meinem Blog ARTCAR.TV.

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